Warum es in meiner Praxis eine Flickendecke gibt

Wer in meine Praxis kommt, entdeckt auf dem Sofa eine Flickendecke.

Sie ist nicht gekauft und auch nicht passend zur Einrichtung ausgesucht. Ich habe sie selbst gemacht – Stück für Stück, im ersten Jahr nach dem Tod meines Mannes.

Vielleicht ist sie deshalb für mich mehr als eine Decke.

Wenn wir etwas mit unseren Händen tun, kann etwas entstehen, während wir selbst noch gar nicht wissen, wie es weitergehen soll. Ein Stück nach dem anderen. Nicht das große Ganze muss schon feststehen. Manchmal reicht das nächste kleine Stück.

Vielleicht ist das gar nicht so weit entfernt von dem, was auch in einer Therapie geschehen kann.

Wir alle bringen ganz unterschiedliche Teile unseres Lebens mit: Schönes und Schweres, Erinnerungen und Verluste, Umwege, Verletzungen und Hoffnungen. Nicht alles passt zusammen. Und trotzdem gehört es zu diesem einen Leben.

Auch eine Flickendecke lebt davon, dass ihre Teile verschieden sind. Manche sind leuchtend, andere unscheinbar. Manche passen wunderbar nebeneinander, andere erst auf den zweiten Blick. Keines muss verschwinden, damit daraus etwas Ganzes werden kann.

In einer Therapie geht es für mich deshalb nicht darum, einen Menschen zu „reparieren“, bis alles wieder glatt und richtig ist. Es geht darum hinzuschauen: Was gehört zu mir? Was trägt mich? Was schmerzt noch? Was möchte ich verändern – und was darf vielleicht einfach einen Platz bekommen?

Meine Flickendecke ist nicht perfekt. Aber sie erinnert mich daran, dass etwas nicht perfekt sein muss, um wertvoll zu sein.

Heute liegt sie auf meinem Sofa in der Praxis. Manchmal wärmt sie jemanden, der mir gegenübersitzt. Manchmal liegt sie einfach nur da.

Aber ihre Geschichte ist immer mit im Raum.

Published On: 9. September 2026By