Und plötzlich ist wieder Herbst
Es passiert jedes Jahr und überrascht mich trotzdem.
Eben waren die Abende noch lang, die Türen standen offen und das Leben fand ganz selbstverständlich draußen statt. Und plötzlich liegt morgens dieser andere Geruch in der Luft. Das Licht verändert sich. Die ersten Blätter fallen. Abends wird es früher dunkel.
Es wird Herbst.
Die Natur scheint uns ziemlich selbstverständlich vorzumachen, womit wir Menschen uns manchmal schwertun: Nicht alles kann immer wachsen, blühen und nach vorne gehen.
Es gibt Zeiten der Veränderung. Zeiten, in denen etwas zu Ende geht. Und Zeiten, in denen wir uns ein wenig zurückziehen.
Vielleicht müssen wir das gar nicht sofort ändern.
Wir leben in einer Welt, in der Stillstand schnell etwas Negatives bekommt. Wir sollen aktiv sein, Pläne haben, uns weiterentwickeln und möglichst gut gelaunt dabei sein. Doch manchmal braucht das Leben etwas anderes.
Einen langsameren Schritt.
Einen Spaziergang, bei dem wir die Hände in die Jackentaschen stecken und unseren Gedanken nachhängen. Einen Abend mit einem Buch und einer Tasse Tee. Ein Gespräch. Oder einfach ein bisschen Zeit, in der noch nicht feststehen muss, was als Nächstes kommt.
Und auch das Loslassen gehört zum Herbst. Aber vielleicht bedeutet Loslassen nicht immer, etwas hinter sich zu lassen oder gar zu vergessen.
Ein Baum verliert seine Blätter – und bleibt trotzdem derselbe Baum.
Auch wir tragen weiter mit uns, was zu unserem Leben gehört: Menschen, Erinnerungen, Erfahrungen, schöne und schmerzhafte Zeiten. Manches verändert seine Form. Manches bekommt mit der Zeit einen anderen Platz.
Und manches darf bleiben.
Vielleicht erinnert uns der Herbst deshalb nicht nur an das Vergängliche.
Vielleicht erinnert er uns auch daran, dass wir nicht immer blühen müssen.
Manchmal dürfen wir einfach unsere Blätter ein wenig rascheln lassen, uns wärmer einpacken und darauf vertrauen, dass auch die stilleren Zeiten zum Leben gehören.


